Warum das klassische Recruitingvideo oft scheitert - und was Bewerber wirklich sehen wollen
Warum funktionieren Recruitingvideos nicht?
Zugegeben, Bewerbende in einigen Branchen zu bekommen, ist nicht einfach. Und vieles was damals als Goldstandard galt, funktioniert heute nicht mehr. Der klassische Imagefilm, die Hochglanz-Stellenanzeige, Recruitingvideos: Viele Instrumente müssen neu gedacht werden, um sich wirklich bei Bewerbern abzuheben. Im War for Talents, der bereits 1997 von McKinsey & Company ausgerufen wurde, ist ein echtes Neudenken im Recruiting notwendig.
In den vergangenen Jahren habe ich Reportagen für Hospize, Rettungsdienste und soziale Einrichtungen produziert.
Dabei fiel mir immer wieder auf: Die Videos mit der größten Wirkung waren selten die perfektesten Produktionen.
Wie dieses Neudenken funktioniert, warum Recruitingvideos oft nicht funktionieren und wie Recruitingfilme wirklich zur Mitarbeitergewinnung eingesetzt werden können. Das erfahren Sie in diesem Artikel.
Das leidige Thema Fachkräftemangel. In diesen Branchen ist es noch schwieriger passende Bewerberinnen und Bewerber zu bekommen. Gerade im sozialen Bereich und insbesondere in der Pflege gibt es eine große Lücke. Viele Gesundheitsorganisationen, Krankenhäuser, Altenheime kämpfen dann um die wenigen Bewerber auf dem Arbeitsmarkt. Sind diese dann einmal gefunden, gilt es, Mitarbeitende auch langfristig an sein Unternehmen zu binden. Eine lebenslange Aufgabe.
Mitarbeitergewinnung mit Recruitingvideos - Ziele
Viele Unternehmen kämpfen mit einem Fachkräftemangel, erhalten zu wenige passende Bewerbungen oder stellen fest, dass Bewerber kaum wissen, was sie als Arbeitgeber ausmacht. Ein Recruitingvideo soll dabei helfen, genau diese Lücke zu schließen.
Je nach Situation stehen unterschiedliche Ziele im Vordergrund:
1. Mehr Sichtbarkeit als Unternehmen
Viele Unternehmen leisten gute Arbeit, werden als Arbeitgeber aber kaum wahrgenommen.
Ein Recruitingvideo soll Aufmerksamkeit schaffen und Menschen erreichen, die das Unternehmen bisher gar nicht kannten.
2. Passende Bewerber gewinnen
Es geht selten darum, möglichst viele Bewerbungen zu erhalten.
Entscheidend sind die richtigen Bewerber.
Ein gutes Recruitingvideo vermittelt ein realistisches Bild vom Arbeitsalltag, den Aufgaben und dem Team. Dadurch fühlen sich die Menschen angesprochen, die wirklich zum Unternehmen passen.
3. Vertrauen aufbauen
Besonders in Zeiten von Kununu, Social Media und Fachkräftemangel möchten Bewerber wissen, wer hinter einer Stellenanzeige steckt.
Ein Recruitingvideo kann zeigen:
Wie Menschen miteinander arbeiten
Welche Werte gelebt werden
Wie die Atmosphäre im Team ist
4. Die Arbeitgebermarke stärken
Viele Unternehmen investieren viel Zeit in ihre Außenwirkung gegenüber Kunden.
Für Bewerber existiert oft kaum ein vergleichbares Bild.
Recruitingvideos helfen dabei, die eigene Arbeitgebermarke sichtbar zu machen und sich von anderen Arbeitgebern abzuheben.
5. Komplexe Berufe verständlich machen
Gerade im Gesundheitswesen, im Rettungsdienst oder in sozialen Einrichtungen wissen Außenstehende oft wenig über den tatsächlichen Arbeitsalltag.
Ein Video kann Einblicke geben, die eine Stellenanzeige niemals vermitteln kann.
Warum Recruitingvideos keine Stellen besetzen
Genau hier beginnt allerdings das eigentliche Problem. Viele Recruitingfilme verfolgen zwar diese Ziele, erreichen sie aber nur teilweise. Denn Bewerber erkennen schnell, wenn ein Film wie Werbung wirkt statt wie ein ehrlicher Einblick in den Arbeitsalltag.
Authentische Recruitingvideos Beispiele
Ich habe mir einige Recruitingvideos angeschaut und präsentiere Ihnen ein Beispiel der Berliner Polizei. Diese spielt exakt mit den Klischees des ausgelutschten Imagefilms und macht es dadurch richtig gut und authentisch.
Sie zeigen:
Dass Sie es als Polizei nicht leicht haben, sie von nicht allen gemocht werden und trotzdem 110% geben. Das ist meiner Meinung nach extrem glaubwürdig, ehrlich und authentisch. Der Film würde nicht funktionieren, wenn die Polizei perfekt und glatt dargestellt werden würde. Das Recruitingvideo ist genau so gut, weil sie bewusst mit dem unperfekten Ruf der Polizei Berlin spielen und das ansprechen, was sowieso schon in den Köpfen der Leuten ist.
Dass Sie mit Ihrem Fuhrpark, SEK, Spurensicherung, Blaulicht werben könnten, es aber nicht machen. Denn es geht ihnen um Haltung. Das zeigt die Polizei eindrucksvoll, dennoch haben sie ihre eben genannten Vorteile gekonnt erwähnt. “Wir schützen eure Rechte, auch die gegen uns zu sein” ist ein extrem starker Satz!
Der Film ist modern, jung, schnell geschnitten mit dynamischer Musik und markantem Sprecher.
Das Recruitingvideo der Polizei Berlin kommt gut bei den Leuten an, hat 4,3 Millionen Aufrufe bei YouTube.
Mit Retter von Wetzlar im Rettungsdienst zu Bewerbungen - das etwas andere Recruitingvideo
In den vorherigen Abschnitten habe ich darüber geschrieben, was nicht (mehr) funktioniert und ein Recruitingvideo der Polizei Berlin gezeigt. Recruiting kann 2026 aber auch ganz anders aussehen. Die Retter von Wetzlar ist eine 3-teilige Serie über den Rettungsdienst der Malteser in Wetzlar. Ergebnis sind knapp 500.000 Aufrufe, ein enorm hoher interner und externer Zuspruch und Bewerbungen aufgrund der Reportage.
Bei der Reportage „Die Retter von Wetzlar“ ging es ursprünglich gar nicht um Recruiting.
Die Idee war, den Alltag von Rettungskräften möglichst authentisch zu dokumentieren. Statt vorbereiteten Aussagen begleiteten wir die Notfallsanitäter Luca und Janne während ihrer Schichten und hielten fest, was tatsächlich passiert.
Dabei entstanden keine inszenierten Szenen, sondern echte Einsätze, echte Entscheidungen und echte Emotionen.
Genau diese Authentizität war später einer der Gründe, warum die Reportage innerhalb kurzer Zeit eine enorme Reichweite erreichte und von zahlreichen Menschen gesehen wurde. Auch regionale Medien griffen das Projekt auf.
Klassischer Imagefilm vs. authentisches Recruitingvideo als Reportage
Echter Arbeitsalltag anstatt Werbebilder
Realistic Job Preview ist ein Begriff, der sich aus den Feldern Employer Branding und Recruiting abgezeichnet hat. Es geht darum, den Job und die Stelle realistisch abzubilden, sowohl mit den positiven, als auch den herausfordernden Seiten. Ziel ist es, nicht möglichst viele Bewerberinnen und Bewerber anzuziehen, sondern jene, die dem Unternehmen auch längerfristig treu bleiben. Das Format “Die Retter von Wetzlar” macht genau das in Reinform. Der Beruf wird ungeschönt gezeigt. Nicht positiver als er ist, ohne externe Sprecher. Die Sanitäterinnen und Sanitäter des Malteser Rettungsdienstes ordnen sowohl fachlich, als auch emotional ein. Alles echt, maximal authentisch, unverblümt.
RJP führt damit zu Selbstselektion (für manche passt der Beruf, für andere nicht), Erwartungsmanagement (“ich weiß, was auf mich zukommt) und Commitment (wer bewusst entscheidet, bleibt länger und zeigt Leistung). Studien wie von Earnest et al., 2011 zeigen: RJPs senken Frühfluktuation um bis zu 20 %.
Echte Sanitäter aus dem Rettungsdienst
Wer kann den Alltag im Rettungsdienst glaubwürdiger erzählen, als Sanitäterinnen und Sanitäter selbst? Zwei junge Sanitäter, einer davon Notfallsanitäter mit einer abgeschlossenen, anspruchsvollen dreijährigen Ausbildung. Von einer Patientin wird er sogar gefragt, ob er der Arzt sei. Das zeigt das hohe Niveau an Kompetenz, was angestaubte Vorurteile vom “Krankenwagenfahrer” ablösen. Die Reportage “Die Retter von Wetzlar” zeigt, was junge Sanitäter drauf haben und jeden Tag leisten. Einige komplexe Einsätze kommen ohne Notarzt aus, die Zuschauenden sind beeindruckt und zeigen ihr Wertschätzung in den Kommentaren. Zum einen sind es andere Sanitäter aus anderen Regionen (es gibt große regionale Abweichungen), zum anderen sind es Menschen, die sich für den Beruf und die Ausbildung interessieren.
Zuschauenden wird Entscheidung überlassen
Ich habe bewusst den Ansatz gewählt, niemandem die Malteser als den besten Arbeitgeber zu verkaufen. Das sollen die Leute selbst sehen, ganz subtil, ohne Werbebotschaften. Szenen beim gemeinsamen Kochen auf der Wache, beim Streiche spielen, bei spontanen Lachern, all das sagt tausend Mal mehr aus als jeder Text von einer Person, die nicht aus dem Bereich kommt.
Notfallsanitäter Luca Poerio macht mit seinen Kolleginnen auf der Malteser-Wache Sushi. Diese ausgelassene Szene wirkt so echt, weil sie echt ist.
Statt Mitarbeitenden vorgefertigte Statements sprechen zu lassen, begleite ich sie im echten Arbeitsalltag. Dadurch entstehen authentische Einblicke, die Bewerberinnen und Bewerber ernst nehmen und denen bestehende Mitarbeitende zustimmen können.
Ob Rettungsdienst, Hospiz, soziale Einrichtung oder mittelständisches Unternehmen: Das Ziel bleibt gleich, nämlich Vertrauen schaffen, bevor die erste Bewerbung geschrieben wird.
Hier erfahren Sie mehr über meine Videoproduktion Frankfurt.
Eine Serie von Sanitäter für Sanitäter
Sanitäterinnen und Sanitäter reagieren sehr sensibel darauf, wenn etwas fachfremd ist. Und generell muss der fachliche Standard sehr hoch sein, um keine Grundlage für Kritik bieten zu können. Daher war die Aufgabe vor ab, Sanitäter zu finden, die zum einen sympathisch und authentisch sind. Zum anderen müssen sie aber fachlich sehr gut sein.
Daher ist viel Zeit in die Auswahl der späteren Protagonisten geflossen. Das Ergebnis ist eine Community, die die Retter von Wetzlar Folgen feiert und zu einem gewissen Teil selbst aus dem Rettungsdienst kommt.
„Ich finde es großartig zu sehen, dass zwei so junge Menschen sich so gut in diesem schwierigen Job zurechtfinden.
Ich habe großen Respekt vor den beiden jungen Notfallsanitätern.“
Die Effekte des Recruitingfilms
Meine Grafik visualisiert die Effekte und Wirkungen des Recruitingfilms. Idealerweise vereint ein gutes Video sowohl Funktionen des Employer Brandings, als auch von Wahrnehmung & Reichweite sowie psychologische Wirkungen. Dabei stehen die verschiedenen Felder auch in Wechselwirkung zueinander.
Häufig gestellte Fragen
Was macht ein gutes Recruitingvideo aus?
Ein gutes Recruiting Video zeigt den Arbeitsalltag, das Team und die Unternehmenskultur authentisch. Bewerber möchten verstehen, wie die Arbeit tatsächlich aussieht und wer die Menschen hinter dem Unternehmen sind.
Wie lang sollte ein Recruitingvideo sein?
Für Social Media funktionieren oft 30 bis 90 Sekunden. Für Karriereseiten oder Kampagnen können auch längere Formate sinnvoll sein, wenn sie relevante Einblicke bieten.
Recruitingvideo oder Imagefilm – was ist der Unterschied?
Ein Recruiting Video richtet sich gezielt an potenzielle Bewerber. Im Mittelpunkt stehen Mitarbeitende, Arbeitsalltag und Arbeitgeberkultur. Ein Imagefilm spricht meist Kunden, Partner und die Öffentlichkeit an.
Wer sollte in einem Recruitingvideo auftreten?
Idealerweise Mitarbeitende aus dem Alltag. Authentische Aussagen von Teammitgliedern wirken oft glaubwürdiger als vorbereitete Unternehmensbotschaften.
Für welche Unternehmen eignen sich Recruitingvideos?
Grundsätzlich für alle Unternehmen, die Fachkräfte gewinnen möchten. Besonders wirkungsvoll sind sie in Branchen mit hohem Personalbedarf wie Pflege, Gesundheitswesen, Handwerk oder Industrie.
Recruitingvideo erstellen: Wie aufwändig ist das?
Videoproduktion wird von vielen unterschätzt. Ein strategisch durchdachtes Format kann inklusive Vorbereitung mehrere Monate dauern. Es gibt natürlich auch kürzere Formate für Social Media, die sich über 1-2 Wochen erstrecken.
Fazit: Warum das klassische Recruitingvideo oft scheitert
Das Recruitingvideo funktioniert immer noch, aber anders. Ein hochwertiges Video ist modern, kreativ, manchmal innovativ. Die Beispiele der Polizei Berlin und meiner YouTube Reportage “Die Retter von Wetzlar” zeigen: Viele Wege führen nach Rom. Oder eben zum guten Recruitingfilm. Das Video im Rettungsdienst oder der Polizei sind zwei Beispiele, die sich auf viele andere Branchen übertragen lassen. Ich behaupte sogar auf alle - mit der Herausforderung, dass der Steuerberater weniger packende Stories hat als der Rettungsdienst. Schauen wir aber über den Tellerrand hinaus und lassen uns Zeit, entstehen überall gute Geschichten.
Hochglanzbilder und schlichte Drohnenaufnahmen ohne Storytelling funktionieren hingegen nicht mehr. Es braucht etwas, das Menschen emotional berührt, Identifikation schafft. Dabei ist es elementar wichtig, dass sich die bestehenden Mitarbeitenden mit dem Recruitingfilm identifizieren können. Ich erstelle meine Videoproduktionen immer in enger fachlicher und persönlicher Abstimmung mit den Sanitätern oder Protagonisten. Denn wenn es die bestehenden Mitarbeitenden gut finden, mögen es auch sehr wahrscheinlich neue Leute.
Ich produziere seit einigen Jahren erfolgreiche Employer Branding Formate und Reportagen wie “Die Retter von Wetzlar”, “Im Hospiz”, “110 Weststadt”.